Die Corona-Krise stellt Pflege- und Seniorenheime vor große Herausforderungen: Um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren, sind Besuche in vielen Einrichtungen nicht erlaubt. Die Bewohner leiden stark darunter, weil der gewohnte Alltag inklusive der Freizeitaktivitäten zusammenbricht. Eine alternative Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit Angehörigen und Freunden ist Videotelefonie. Wir haben mit der freiberuflichen Regisseurin Monika Graf aus Fürstenfeldbruck gesprochen, die das Projekt besuch.jetzt koordiniert hat.

Videotelefonie in Seniorenheimen

Quelle: Panther Media

 

 

Erfahren Sie in diesem Artikel:

  • wie Sie Besuchsbeschränkungen in Pflegeheimen mit unserer Lösung besuch.jetzt umgehen können
  • welche Punkte beim Einsatz von Kommunikationstechnologien bedacht werden müssen
  • wie der erste Roll-Out im Pflegeheim Theresianum Fürstenfeldbruck abgelaufen ist

Frau Graf, wie ist es dazu gekommen, dass Sie ein Digitalprojekt für ein Pflegeheim koordinieren?

Ich bin freiberufliche Regisseurin und komme in meinem Beruf nicht mit Altenheimen in Berührung. Als Corona kam, habe ich ehrenamtlich die Corona-Nachbarschaftshilfe Fürstenfeldbruck gegründet, damit Hilfesuchende und Helfer sich finden können – quasi über Nacht gab es mehr als 300 Anfragen in der dafür gegründeten Facebook-Gruppe.

(Anm. der Redaktion: die Süddeutsche Zeitung berichtete am 15.3.2020 über das Engagement von Frau Graf)

Als Normalbürger bekommt man gar nicht mit, wie schnell nicht nur Privatpersonen, sondern auch Organisationen rasch an ihre Grenzen gestoßen sind. Aus der Sorge heraus, dass wir nicht alle erreichen können, die die Hilfe brauchen, haben wir eine Telefon-Hotline eingerichtet, unter der alle möglichen Anfragen aus der Bevölkerung eingegangen sind. So meldeten sich der Katastrophenschutz, das Gesundheitsamt, Krankenhäuser und nicht zuletzt auch Pflegeheime des Landkreises Fürstenfeldbruck bei uns.

Das klingt nach einem Full-time-Job! Wie haben Sie diese Phase erlebt?

Das war es auch (lacht). Von früh bis spät habe ich beraten, koordiniert und mein Haus diente als Sammelplatz für Stoffspenden, aus denen wir dank eines ehrenamtlichen Teams aus 60 Näherinnen Mund-Nase-Schutzmasken und Schutzkittel hergestellt haben. Die Menschen haben Schlange gestanden, um ihre Stoffreste hier abzugeben. Somit sind 1.8 Tonnen Stoffspenden zusammengekommen, die wir auch dringend benötigt haben.

Welche Probleme sind entstanden, als in Seniorenheimen und Krankenhäusern Schutzkittel gefehlt haben?

Die Senioren haben sich regelrecht in den Krankenhäusern “gestaut”, weil in den Seniorenheimen noch nicht ausreichend Schutzkittel vorhanden waren. Die Rückführung war aber unbedingt notwendig, um im Krankenhaus permanent ausreichend Betten zur Verfügung stellen zu können.

Wie entstand der Kontakt zur Leiterin des Pflegeheims Theresianum Fürstenfeldbruck?

Viele Mitarbeiter aus Organisationen riefen über eine Hotline an, die wir eingerichtet haben und meinten: „Moni, wir haben ein Problem. Hast du eine Idee?“ Die Leiterin hatte sich immer wieder gemeldet und meinte, wir müssen uns was überlegen. “Die Senioren liegen nur noch lethargisch da. Die haben fast keinerlei Kontakt. Sonst hatten sie regelmäßig Gymnastik, ehrenamtliche Entertainer zu Besuch oder der Friseur war da. Da war nichts mehr los. Und die Senioren hatten so unfassbar abgebaut.”

Monika Graf

Foto: Monika Graf (privat)

Gibt es etwas, womit Sie nicht gerechnet haben?

Auf der Seite der Angehörigen gingen wir davon aus, dass Videotelefonie ein Werkzeug ist, mit dem sie umgehen können. Dann hatten wir aber folgenden Fall: der Neffe einer Bewohnerin wollte besuch.jetzt nutzen, was von unserer Seite aus kein Problem darstellen sollte. Die Leiterin des Seniorenheims machte uns dann darauf aufmerksam, dass es sich bei dem Neffen um einen 76-Jährigen handelt. Klar, wenn Bewohner des Seniorenheims Mitte 90 sind, dann sind deren Kinder auch nicht mehr zwischen 20 und 30.

Selbst die Nachkommen der Angehörigen sind somit in einem Alter, wo sie mit der digitalen Welt nicht unbedingt was zu tun haben. Und wir merkten: wir müssen wirklich komplett simpel auf drei Enden denken. Beim Benutzer im Seniorenheim, beim Benutzer zuhause und beim Mitarbeiter der es koordinieren soll.

Sie haben lern.link dann über Ihr persönliches Netzwerk gefunden.

Genau. Und schnell gemerkt, dass es eine extrem anwenderfreundliche und leicht koordinierbare Software sein muss. Die Schere zwischen täglichen Digital-Anwendern und Seniorenheimen geht weit auseinander.

Die Pfleger*innen haben so schon genug um die Ohren – aufwendige Schulungen und Terminkoordination als zusätzliche Aufgabe kommt also nicht in Frage.

Ja, das ist undenkbar. Gemeinsam mit Herrn Hornig (Anm. d. Red.: Geschäftsführer lern.link GmbH) haben wir dann besuch.jetzt entwickelt. Das war total spannend, aus dem Feedback vom Seniorenheim zu sehen, dass die Lösung sehr sehr einfach sein muss.

Der erste Schritt ist funktionierendes WLAN. Gab es das?

Tatsächlich gab es zunächst kein WLAN. Wozu auch? Die Senioren haben meist keine digitalen Geräte und auf der Station gibt es einen PC, der ins LAN eingebunden ist. Bei Berufstätigen gehe ich davon aus, dass die technische Affinität im sozialen Bereich tendenziell weniger ausgeprägt ist. Das war für unvorstellbar, dass es soweit weg war. Da wird einem langsam bewusst, wie weit die von der digitalen Welt entfernt sind. Aber im ersten Moment kommt man da nicht drauf und es gibt große Abstufungen, ob in einem Pflegeheim hauptsächlich Pflegebedürftige und Bettlägrige sind oder es sich um eine Einrichtung für betreutes Wohnen handelt, in denen Bewohner relativ unabhängig unterwegs sind.

Woran haben Sie konkret gemerkt, dass seniorengerechte Videotelefonie noch einfacher gedacht sein muss?

Ein Beispiel: Der Dienstplan ist ein großes schwarzes Brett vor Ort – es gibt keinen Kalender, der online geführt wird. Da stehen die Namen und Wochentage, darunter werdenn Notizen ergänzt. Zum Beispiel: Dienstag, 16 Uhr hat Frau Müller Friseur. Und da kann man auch Klebezettel befestigen. Das ist das Gelernte. Der normale Seniorenpfleger hat also nichts mit digitaler Technik zu tun. Hier galt es also von vorherein Berührungsängste zu kompensieren und ernst zu nehmen.
 
besuch.jetzt bietet auch unerfahrenen Personen durch die übersichtlich gestaltete Oberfläche ein einfaches Zurechtfinden auf vielleicht unbekanntem Terrain. Die Besucher der Webseite gelangen über wenige Klicks zu der gewünschten Terminvereinbarung und können sich so einen Termin auf der Seite von besuch.jetzt aussuchen, bekommen eine Bestätigungsmail mit einem Link, der sie direkt zum Raum führt und mit dem richtigen Tablet verbunden ist. Die Tablets wurden dem Seniorenheim gespendet, sodass die Umsetzung überhaupt erst umsetzbar ist. Der Terminplan wird dann von der Verwaltung ausgedruckt und hängt neben dem Dienstplan am Schwarzen Brett. Damit ist die Koordination deutlich vereinfacht und die Mitarbeiter bringen das richtige Tablet einfach zur vereinbarten Uhrzeit zum Bewohner.

Was ist für die Angehörigen auf der einen Seite und die unterstützenden Pfleger*innen noch zu tun?

Da bei besuch.jetzt keine Downloads notwendig sind, muss nur ein Link geklickt werden, der zuvor per Email zur Verfügung gestellt wird. Gegebenfalls muss dann noch Ton und Kamera eingeschaltet werden. (Weitere Informationen zu den Features und unserem Videokonferenz-Produkt gibt es hier)

Darüber hinaus klebt auf jedem Tablet eine kurze Anweisung für die Mitarbeiter,, sodass wirklich nichts schief gehen kann.

Wie sind die Reaktionen von Bewohnern und Angehörigen ausgefallen?

Super. Das ist natürlich was, wo die Leute total froh sind. Es gibt Angehörige die leben 500 oder 10.000 Kilometer entfernt. Die Oma zwischendurch auch sehen und nicht nur hören zu können, das ist eine schöne Entwicklung. Die Erfahrung zeigt, dass Videotelefonie die bisherige Kommunikation erleichtert und ergänzt. Nach dem zehnten Telefonat will man sich wieder sehen und der Aufwand wird gerne in Kauf genommen. Da derzeit nicht absehbar ist, wie sich die Corona-Situation weiterentwickelt und Seniorenheime bei Verdachtsfällen sofort geschlossen werden, ist besuch.jetzt eine sehr gelungene Lösung, die sozialen Kontakte zu Angehörigen zu gewährleisten.

“Es gibt Angehörige die leben 500 oder 10.000 Kilometer entfernt. Die Oma zwischendurch auch sehen und nicht nur hören, das ist eine schöne Entwicklung.”

Monika Graf

Freiberufliche Regisseurin

Nicht nur die Digitalisierung von 1:1-Gesprächen, sondern auch andere Angebote, wie Tanzkurse oder virtuelles Kaffeetrinken wären somit möglich.

Genau. Die Corona-Krise ist eine große Chance für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Ich hoffe, dass wir das gut nutzen und viele Themen online in den Alltag bringen, da wir in Deutschland hinterherhinken. Das wäre begrüßenswert.

Frau Graf, Sie haben bisher ausschließlich mit dem Theresianum zusammengearbeitet. Sind weitere Projekte in Planung?

Ja das war der erste Rollout. Jetzt bieten wir das allen Altenheimen in Fürstenfeldbruck an. Die Testphase, in der wir Feedbacks eingeholt haben, ist super gelaufen und die Software kommt gut an. Individuelle Themen, wie fehlende PC-Kenntnisse Beteiligter, konnten wir mit 1-2 Anrufen lösen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Zusammenfassung: Tipps für die Implementierung von Kommunikationstechnologie in Ihrer Einrichtung

  1. Mobile Endgeräte zur Verfügung stellen oder ggf. Sponsoren engagieren.
  2. Tablets sind eine gute Lösung, da Sie leicht transportier- und bedienbar sind.
  3. WLAN konfigurieren – achten Sie darauf, dass der Empfang in allen Räumen gut ist, sodass die Software reibungslos funktioniert
  4. Mitarbeiterbriefing: Stellen Sie eine Kurzanleitung zur Verfügung. Diese kann beispielsweise direkt an den Tablets befestigt werden.
  5. Terminübersicht für alle Mitarbeiter ersichtlich zur Verfügung stellen – zum Beispiel am schwarzen Brett.

 

Sie möchten besuch.jetzt in Ihrer Einrichtung?